Lernen neu denken mit Künstlicher Intelligenz
Lernen neu denken mit Künstlicher Intelligenz
Ich habe Marcel Salathé vor vielen Jahren dank Powercoders kennengelernt. Er hat mir damals die Möglichkeit zu einem persönlichen Austausch gegeben, in dem wir uns über Lernen, Technologie und Verantwortung unterhalten haben. Zu Weihnachten habe ich nun sein Buch Kompass Künstliche Intelligenz geschenkt bekommen. Beim Lesen wurde mir schnell klar, wie stark seine Gedanken viele der Fragen berühren, die mir heute in meiner Arbeit im Bildungsbereich täglich begegnen.
In Gesprächen mit Lehrpersonen erlebe ich aktuell viel Unsicherheit im Umgang mit Künstlicher Intelligenz. Gleichzeitig sehe ich grosses Potenzial. Deshalb wollte ich mit Marcel nicht über Tools oder kurzfristige Trends sprechen, sondern über Haltung, Lernen und darüber, was KI für Bildung wirklich bedeuten kann. Dieses Gespräch richtet sich an alle, die sich mit KI auseinandersetzen möchten, ohne dabei den Menschen aus dem Blick zu verlieren.
Christian Hirsig: Marcel, wenn man heute mit Lehrpersonen spricht, hört man oft sehr unterschiedliche Reaktionen auf Künstliche Intelligenz. Manche sind neugierig, andere eher verunsichert. Was nimmst du im Moment am stärksten wahr?
Marcel Salathé: Grosses Interesse gepaart mit Überforderung. Nicht, weil Lehrpersonen technikfeindlich wären, sondern weil sehr vieles gleichzeitig auf sie einprasselt. KI wird oft als etwas dargestellt, das sofort verstanden, eingeordnet und verantwortungsvoll eingesetzt werden soll. Das ist ein hoher Anspruch. Die Neugier ist da, aber sie braucht Raum, um sich zu entfalten.
CH: Wenn man diese Überforderung ernst nimmt, lohnt sich vielleicht auch ein Blick zurück. Wenn du an deine eigene Schul- oder Studienzeit denkst: Was hätte dir damals beim Lernen gefehlt, das KI heute zumindest teilweise leisten könnte?
MS: Oft war es schlicht jemand, der mir einen Sachverhalt noch einmal anders erklären konnte. Nicht besser im Sinne von objektiv richtiger, sondern passender für meinen Denkweg. Lernen scheitert ja selten an mangelnder Intelligenz, sondern man versteht etwas nicht und verliert dann den Anschluss. Genau hier kann KI helfen, indem sie Erklärungen variiert und sich an die Lernenden anpasst.
CH: Du betonst immer wieder, dass KI keine radikale Zäsur darstellt, sondern Teil einer längeren Entwicklung von Lernwerkzeugen ist. Warum ist dir dieser historische Blick so wichtig?
MS: Weil er hilft, die Angst aus der Debatte zu nehmen. Jede grosse Veränderung in der Bildung wurde zunächst als Bedrohung wahrgenommen. Die Schrift, der Buchdruck, die Schulpflicht, später das Internet. Lernen selbst hat sich dabei weniger verändert als die Strukturen darum herum. KI ist in dieser Hinsicht kein Sonderfall, sondern ein weiteres Werkzeug, das unsere bestehenden Systeme herausfordert.
CH: Wenn wir KI also nicht als Bruch, sondern als Lernhilfe verstehen, verändert das auch den Blick darauf, was Lernen eigentlich ist. Was übersehen wir deiner Meinung nach, wenn wir KI nur als Technologie betrachten, die Antworten liefert?
MS: Dann übersehen wir, dass Lernen immer ein aktiver Prozess bleibt. KI kann Informationen bereitstellen, Beispiele generieren, Feedback geben. Aber durch den Lernprozess muss am Ende immer noch der Mensch gehen. Wenn wir KI als Lernhilfe verstehen, rückt genau diese aktive Rolle wieder stärker in den Vordergrund.
CH: In diesem Zusammenhang hört man oft den Einwand, KI denke nicht, sie kombiniere nur bestehende Inhalte. Gerade in der Bildung wird das kritisch gesehen. Wie ordnest du das ein?
MS: Der Einwand ist nicht falsch, greift aber zu kurz. Auch menschliches Lernen basiert auf Nachahmung, Wiederholung und Variation. Die entscheidende Frage ist nicht, ob KI denkt, sondern ob sie Denkprozesse unterstützen kann. Und das kann sie in vielen Fällen sehr gut.
CH: Das führt direkt zur Frage, was wir unter gutem Lernen verstehen. Was unterscheidet aus deiner Sicht echtes Lernen vom blossen Produzieren richtiger Antworten?
MS: Lernen zeigt sich darin, dass jemand Zusammenhänge erklären kann, dass Wissen übertragen wird und nicht nur Antworten reproduziert. Eine richtige Antwort ist schnell gegeben, aber sie sagt wenig darüber aus, ob jemand etwas wirklich verstanden hat. Dieser Unterschied wird durch KI sichtbarer, nicht unsichtbarer.
CH: Genau hier entsteht bei vielen Lehrpersonen eine Unsicherheit, vor allem wenn es um Bewertung geht. Wie soll man Leistungen noch fair beurteilen, wenn KI im Spiel ist?
MS: Diese Frage ist berechtigt, aber sie sollte den Blick auf ein tieferliegendes Problem lenken. Wir haben uns an Endprodukte gewöhnt, weil sie einfach zu vergleichen sind. Wir müssen wir stärker den Lernprozess berücksichtigen, Gespräche führen, Zwischenschritte einfordern. Das ist vermutlich die grösse kurzfristige Anpassung, die KI erfordert.
CH: Das klingt nach einer deutlichen Verschiebung in Richtung Prozess. Was heisst das konkret für Aufgabenstellungen und Prüfungen?
MS: Es heisst nicht, dass alles neu erfunden werden muss. Aber es bedeutet, dass wir mehr erklären lassen, mehr begründen, mehr reflektieren. Kürzere Prüfungen, gezieltere Fragen, wahrscheinlich auch wieder viel mehr mündliche Elemente.
CH: Gibt es auch Formate, bei denen du sagen würdest, dass sie durch KI sogar gewinnen könnten?
MS: Ja, insbesondere formative Aufgaben. Übungen, bei denen es um Lernen und nicht um Selektion geht. KI kann hier sehr schnell Feedback geben und Lernende begleiten, ohne dass Lehrpersonen zusätzlich belastet werden.
CH: Damit sind wir bei der Rolle der Lehrperson. Du betonst klar, dass KI kein Ersatz sein soll. Wofür brauchen wir Lehrpersonen heute vielleicht sogar mehr als früher?
MS: Für Orientierung, Beziehung und Kontext. Lernen ist nicht nur ein kognitiver, sondern auch ein sozialer Prozess. Lehrpersonen geben Halt, motivieren und helfen, Bedeutung herzustellen. Das sind Aufgaben, die sich nicht automatisieren lassen.
CH: Welche Tätigkeiten im Schulalltag eignen sich deiner Meinung nach gut für KI-Unterstützung und wo sollte man bewusst darauf verzichten?
MS: Gut geeignet sind repetitive Aufgaben, einfache Korrekturen, Erklärungen oder Übungsformate. Weniger geeignet sind pädagogische Entscheidungen, der Umgang mit Emotionen oder das Einschätzen von Gruppendynamiken. Hier bleibt menschliche Erfahrung zentral.
CH: Viele Lehrpersonen sagen trotzdem: Ich habe schlicht keine Zeit, mich zusätzlich mit KI zu beschäftigen. Wie gehst du mit diesem Einwand um?
MS: Ich nehme ihn sehr ernst. Zeitmangel ist real und strukturell bedingt. Gleichzeitig zeigt die Erfahrung, dass kleine, gezielte Anwendungen oft mehr Zeit sparen, als sie kosten. Es geht nicht darum, alles zu verstehen, sondern einen Einstieg zu finden, der den Alltag tatsächlich entlastet.
CH: Ein grosses Versprechen von KI ist personalisiertes Lernen. Warum ist das heute realistischer als noch vor wenigen Jahren?
MS: Weil wir erstmals die technische Grundlage haben, um individuelle Lernwege zu skalieren. Die KI kann schreiben, lesen, und vermehrt verstehen. Dadurch wird eine inhaltliche Personalisierung möglich. Vor KI war das praktisch unmöglich, ausser man hatte einen privaten Tutor, was natürlich nur wenigen Privilegierten zur Verfügung stand.
CH: Wo siehst du hier das grösste Potenzial, auch im Hinblick auf Bildungsgerechtigkeit?
MS: Dort, wo Unterstützung fehlt. Bei Lernenden ohne Zugang zu Nachhilfe, bei Sprachbarrieren, bei unsicheren Bildungsbiografien. KI kann kontinuierlich begleiten und erklären, unabhängig von Ort und Zeit.
CH: Gleichzeitig wird auch die Sorge geäussert, dass KI neue Ungleichheiten schaffen könnte. Ist diese Sorge berechtigt?
MS: Ja, wenn Zugang und Kompetenzen ungleich verteilt sind. KI verstärkt, was schon da ist. Deshalb ist es so wichtig, KI nicht nur einzusetzen, sondern auch darüber aufzuklären. Bildung über KI gehört genauso dazu wie Bildung mit KI.
CH: Wenn du von Verantwortung im schulischen Umgang mit KI sprichst, was bedeutet das konkret für den schulischen Alltag?
MS: Verantwortung heisst Transparenz und klare Regeln. Lernende sollen wissen, wofür KI genutzt werden darf und warum. Verantwortung heisst aber auch, sich nicht einfach abzuwenden, sondern einen ersten Zugang zu finden. Diese Technologie hat sich bereits in vielen Bereichen etabliert, und Lernende erwarten immer mehr, dass Lehrpersonen eine gewisse KI-Kompetenz mitbringen.
CH: Stell dir vor, eine Lehrperson liest dieses Gespräch und fühlt sich trotz allem noch unsicher. Was wäre ein sinnvoller erster Schritt?
MS: Etwas Kleines mit einem Chatbot ausprobieren. Eine Frage stellen, eine Erklärung prüfen, eine Übung begleiten lassen. Erfahrung schafft Vertrauen, und Vertrauen nimmt Angst.
CH: Und zum Schluss noch ein Blick nach vorn: Woran würdest du in einigen Jahren erkennen, dass KI die Bildung tatsächlich verbessert hat?
MS: Wenn mehr Lernende das Gefühl haben, wirklich verstanden zu werden. Wenn Lehrpersonen mehr Zeit für das Wesentliche haben. Und wenn Bildung weniger vom Zufall abhängt, in welches Umfeld man hineingeboren wird.
In meiner täglichen Arbeit mit High Five erlebe ich genau das, worüber Marcel spricht. Lehrpersonen, Ausbildnerinnen und Bildungsinstitutionen wollen Lernen besser machen, nicht technischer. Sie suchen nach Wegen, um Lernende individueller zu begleiten und gleichzeitig selbst entlastet zu werden. Künstliche Intelligenz kann dabei helfen, wenn sie bewusst, reflektiert und menschlich eingesetzt wird.
Das Gespräch mit Marcel hat mich darin bestärkt, dass es nicht um perfekte Antworten geht, sondern um gute Fragen und um den Mut, neue Werkzeuge auszuprobieren. Wer sich vertieft mit diesen Themen auseinandersetzen möchte, dem empfehle ich sein Buch Kompass Künstliche Intelligenz sehr. Es ist eine ruhige, kluge und wohltuende Einordnung in einer Zeit, die oft von Lautstärke geprägt ist.
Hier gibt es weitere Infos zum Buch von Marcel: https://kompass-ki.ch/